Unsere Einwände gegen das Heizkraftwerk

Die Wettstettener Bürgerinitiative stellt klar in den Vordergrund, dass sämtliche Initiatoren sich ausnahmslos für den Einsatz von regenerativen Energiequellen aussprechen. Es bestehen keinerlei Einwände gegenüber einer Biomasseanlage im geeigneten Größenmaß, um in Wettstetten die Energiewende voranzubringen. Klarzustellen ist auch, dass die Gewerbetreibenden, die Bürgerinnen und die Bürger von Wettstetten in der Vergangenheit zur Energiewende bedeutend mehr beigetragen haben, als dies bei der Gemeinde bisher zu erkennen war. Der Start einer Gemeinde in die Energiewende sollte nicht mit einem industriellen Großprojekt in einem Gewerbegebiet begonnen werden.

Das industrielle Kraftwerk gehört in eine entsprechende Umgebung und nicht in das ländliche Gewerbegebiet eines idyllischen Ortes wie Wettstetten. Die Angaben im Prospekt der Prolingis AG zu den nächsten Wohngebäuden sind falsch. Die nächsten Wohngebäude befinden sich im Gewerbemischgebiet in unmittelbarer Nähe. Auch für diese Bürger gelten die gleichen Rechte in Bezug auf Emissionen. Auch die angegebenen Abstände zu den reinen Wohngebäuden sind falsch.

Das Kraftwerk ist mit einer Leistung von 38 MW + 16 MW + 16 MW, gesamt 70 MW, nach der „Vierten Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (4. BImSchV)“ unter dem §3 in Verbindung mit dem Anhang 1 ein Industrieunternehmen und kein Gewerbe (https://www.gesetze-im-internet.de).

Vom Gewerbegebiet im eigentlichen Sinne unterscheidet sich ein Industriegebiet durch die Ansiedlung von Betrieben, die ein bestimmtes Maß an Umweltbelastungen wie Lärm, Luftschadstoffe, Staub und Gerüche erzeugen und darum insbesondere von Wohngebieten ferngehalten werden sollen. Es soll von Wohn- und Mischgebieten (gemischte Nutzung) ausreichend abgetrennt sein, für Schwerverkehr und andere Infrastruktur erschlossen (z. B. Gleisanschluss, Energie, Entsorgung) und mit speziellen Umweltauflagen belegt werden. Industriegebiete können – örtlich bedingt – noch weiteren Einschränkungen oder Erlaubnissen unterliegen (https://de.wikipedia.org/wiki/Industriegebiet).

Diese Voraussetzungen sind im Gewerbegebiet „Am Speck“ keinesfalls gegeben. Die Errichtung des Heizkraftwerks stellt eine massive, unnötige und unwiederbringliche Beeinträchtigung unserer Lebensqualität dar. Ganz zu Schweigen von den zu erwartenden Wertverlusten unserer Immobilien. Das Projekt fügt sich weder in die Natur, noch in ein Naherholungsgebiet ein. Es stellt eine Zumutung für das Umland von Wettstetten dar.

Ein Fernwärmenetz lässt sich in einem gewachsenen und bereits bestehenden Ort wie Wettstetten weder wirtschaftlich noch technisch errichten. In Deutschland findet man keine vergleichbar große Gemeinde, die nachträglich mit einem Fernwärmenetz ausgestattet wurde. Der Wettstettener Gerhard Meier, 33 Jahre Vorstand der MVA und bestens betraut mit Fernwärmenetzen und deren Problematik, beschreibt dies in seinem Leserbrief vom 12.08.2020 (herunterzuladen unter „Aktuelles“) an den Donau Kurier mit wörtlich:

„Ferner wird blumig die Möglichkeit einer Fernwärmeversorgung des Ortes erwähnt, obwohl jeder ,der sich mit Fernwärme auskennt, weiß, dass dies unter Berücksichtigung der bestehenden Struktur der Wohnbebauung (Gas/Heizöl/Holz) in Wettstetten aufgrund der Erschließungs- und Betriebskosten eines Fernwärmenetzes wirtschaftlich illusorisch ist – außer man will Geld verbrennen.“

Überschlägige wirtschaftliche Betrachtung
Die Prolignis AG geht zur Errichtung der Fernwärmeleitung zur Audi AG über freies Feld von 1,5 Mio. € pro Kilometer Baukosten aus. Wettstetten hat ein Straßennetz mit fast 30 Kilometer Länge. Zur Errichtung müssen sämtliche Straßen in Wettstetten aufgerissen werden um die Leitungen zu verlegen. Setzt man dafür ebenfalls 1,5 Mio. € pro Kilometer an, summieren sich die Kosten für das Straßennetz der Gemeinde, um allen Wettstettener Bürgern die Möglichkeit zu geben, sich anschließen zu lassen, auf etwa 45 Mio. €.

Geht man in den nächsten 10 Jahren sehr optimistisch von etwa 500 Anwesen, vermutlich sind es weiniger als 100, aus, ergeben sich bei 2 Cent pro kWh Leistung durchschnittlich pro Jahr Einnahmen von 75.000 € für den Wärmenetzbetreiber. Ein durchschnittliches Anwesen wurde mit 150 m² und einem Verbrauch von 100 kW/m² berücksichtigt. Pro Anwesen ergeben sich so 15.000 kWh, was in etwa 1.500 Liter Heizöl oder 1.500 m³ Erdgas entspricht. Bei 500 Anwesen mit jeweils 15.000 kWh summieren sich gesamt 7,5 Mio. KWh. Für den Wärmenetzbetrieb errechnen sich in der Endausbaustufe nach 10 Jahre bei 2 Cent/kWh multipliziert mit 7,5 Mio. kWh etwa 150.000 €. Bei einem gleichbleibenden linearen Ausbau innerhalb von 10 Jahren bis zu 500 Anwesen ergeben sich durchschnittlich 75.000 € Einnahmen pro Jahr.

Die Einnahmen führen bei einer Investition von 45 Mio. € zu einer Rendite von gerade mal 0,17 Prozent. Die Einnahmen reichen nicht einmal aus, um das Wärmenetz mit vernünftigen Rücklagen für zukünftige Reparaturen, zu betreiben. Geschweige um die enormen Baukosten zu finanzieren und ab zu bezahlen. Auf ein Einfamilienhaus bezogen, welches mit 500.000 € Baukosten zu Buche schlägt, müsste dies mit 833 € pro Jahr finanziert werden. Dies reicht höchstens, um die Heizkosten zu bestreiten, bei der Finanzierung der Stromkosten wird es schon schwierig.

Technische Betrachtung der Umsetzung
In den Straßen der Gemeinde Wettstetten liegen bereits Kanal-, Wasser-, Strom- und teilweise Gasleitungen mit den Abzweigungen für die einzelnen Anwesen. Ein ortsansässiger Mitarbeiter eines Gaslieferanten bestätigt, dass die Errichtung von isolierten Vor- und Rücklaufleitungen mit entsprechend notwendigen Durchmesser im bestehenden Straßennetz nicht möglich ist. Auch die regelungstechnischen Voraussetzungen, damit jedes Anwesen zufriedenstellend mit Energie versorgt werden könnte, sind so gut wie nicht umzusetzen. Er gibt weiter an, dass beim Heizkraftwerk in Pfaffenhofen mehrere Abnehmer wieder auf die Versorgung mit Gas zurück gekehrt sind.

Anschlusskosten und Überlegungen für den einzelnen Bürger
Die baulichen Kosten zum Anschluss eines Anwesens und die dazu notwendige Technik, die mit etwa 5000 € zu Buche schlägt, wird der Eigentümer eines Anwesens selbst zu tragen haben. Die Straße muss über einen meist bestehenden Gehweg zum Anwesen aufgegraben werden. Eventuell sind am Anwesen Pflasterungen, Einfriedungen und weiteres zu entfernen, bevor ein Zugang zum Haus angelegt werden kann.

Für die gesamten Kosten kann sich ein Eigentümer auch einen Heizkessel mit Brennwerttechnik, eine Pelletheizung oder eine Wärmepumpe ins Haus einbauen lassen. Zudem haben bereits viele Anwesen einen Gasanschluß und eine Solarthermieanlage auf dem Dach. Entscheidet man sich trotzdem für das Wärmenetz, begibt man sich in eine langfristige Abhängigkeit zu zwei späteren Monopolunternehmen, dem Wärmelieferanten und dem Wärmenetzbetreiber. Eine freier Markt ist dem Eigentümer somit verschlossen.

Prolignis AG zum Wärmenetz
Die Prolignis AG ist trotz längjähriger Kompetenz zu keiner überschlägigen Kostenschätzung bereit. Dazu müsste erst eine Machbarkeitsstudie mit Kosten in Höhe von 250.000 € durchgeführt werden. Dies würde erst nach der Zustimmung des Projekts durch den Gemeinderat durchgeführt werden können.

Eine einfache Internet-Recherche bringt bereits dem Laien sehr aufhellende Daten zu den Kosten pro laufenden Meter Fernwärmenetz. Auf folgender Seite hätten sich auch die Protagonisten der Prolignis AG informieren können (https://www.ingenieur.de).

Eine einfache erste Milchmädchenrechnungen, wie wir sie vorstehend durchgeführt haben, ergibt die Undurchführbarkeit der Errichtung eines Wärmenetzes in einem bestehenden Ort. Das Vorgehen der Prolignis AG lässt vermuten, dass der Gemeinde, den Gemeinderäte und den Wettstettener Bürgern bewusst Daten und Fakten vorenthalten wurden, um die Zustimmung zum industriellen Großprojekt zu erhalten.

Melsungen

Das Vorzeigekraftwerk der Prolignis AG in Melsungen steht direkt neben einem Industriegebiet und dem Hauptenergieabnehmer. Die Recherche im Artikel „Kritik am Kraftwerk“ ergibt, dass das Heizkraftwerk in Wettstetten die 7-fache Leistung des bereits mit „Superlative“ bezeichneten Kraftwerks in Melsungen haben soll. Die direkte Umgebung lässt dort weder eine freie Natur noch ein Naherholungsgebiet erkennen. Die riesen Betriebe in dem Industriegebiet kennzeichnen bereits das Umfeld. Das im Vergleich kleine Kraftwerk versorgt allein Unternehmen aus Melsungen. Die Vorteile gelten der Infrastruktur von Melsunger Unternehmen und deren Mitarbeiter. Dies ist in Wettstetten nicht gegeben. Die Wärmeleistung übersteigt das Hundertfache, was in der Gemeinde Wettstetten je abgenommen werden könnte und ist somit für die Wettstettener Bürger ausschließlich eine Belastung.

Pfaffenhofen

Das Pfaffenhofener Biomassekraftwerk wird nur mit Waldhackschnitzel betrieben und nicht mit Altholz. Das Kraftwerk ist wesentlich kleiner als das geplanten Kraftwerk in Wettstetten. Es versorgt nur Abnehmer in Pfaffenhofen. Nach den Angaben eines ortsansässigen Gas-Spezialisten wurden bereits mehrere Abnehmer wieder vom Wärmenetz zurück auf Gas umgestellt. Die Hackschnitzel werden zum Teil aus Sachsen und aus Tschechien geliefert. Das Kraftwerk in Wettstetten würde bei der Beschaffung des Brennmaterials in direkter Konkurrenz zum Kraftwerk in Pfaffenhofen stehen. Wie sich daraus der behauptete Umkreis von 150 km zur Materialbeschaffung ergibt, ist nicht schlüssig. Offensichtlich wird der Lieferumkreis von Brennmaterial kleiner, desto mehr benötigt wird. Vermutlich wird es sich vermehrt um die Verbrennung von Altholz, statt um Waldhackschnitzel handeln.

Kelheim

Das Kraftwerk Kelheim wurde durch die Gemeinderäte besichtigt. Im Vergleich zum Vorhaben handelt es sich um ein Mini-Kraftwerk mit einem Bruchteil der Leistung. Siehe dazu den Artikel „Kritik am Kraftwerk„. Es versorgt, anders als das geplante Kraftwerk in Wettstetten, ausschließlich Betriebe und Einrichtungen in Kelheim und ist auf den regionalen Bedarf zugeschnitten. Ein Vergleich und eine realistische Darstellung zu der späteren Dimension des Wettstettener Kraftwerks ist bei der Besichtigung durch die Gemeinderäte nicht vermittelbar. Dazu hätte eine vergleichbare Anlage besichtigt werden müssen.

Kraftwerk Binderholz im Interpark

Ein vergleichbares Kraftwerk steht im Interpark bei der Firma Binderholz. Dies wäre das ideale Kraftwerk zur Besichtigung durch die Gemeinderäte gewesen. Dort kann man sich von dem Ausmaß und dem zu erwartenden Umfeld leicht überzeugen. Jedem Befürworter des Kraftwerks wird empfohlen sich direkt vor Ort ein Bild zu machen. In der Max-Plank-Straße kommt man an die Rückseite des Kraftwerks heran, um die Dimensionen, die Laufgeräusche und den modrigen Duft der feuchten Hackschnitzel genießen zu können. Leider lässt sich der Geruch noch nicht über das Internet übertragen.

Eine durchgeführte Recherche der historischen Wetterdaten von 01.01.2020 bis 13.08.2020 hat an 84 von 225 Tagen einen Ostwind ergeben, der die Kraftwerksabgase in riesiger Menge in das Wettstettener Tal bis zur Ortsmitte drückt. Das gleiche geschieht mit dem Lärm und der Geruchsbelästigung. Die Lkw und Maschinen werden an diesen Tagen bis weit in den Ort hinein zu hören und der modrige Holzduft zu riechen sein.

Die behauptete 90% Südwest-Wetterlage der Prolignis AG ist schlichtweg falsch. Jeder Wettstettener Bürger kennt die trockene kühle Wetterlage mit viel Wind aus dem Osten, bei bis zu 40% der Tage im Jahr. Ein Wind aus der von der Prolignis AG behaupteten Hauptwindrichtung lässt sich so gut wie nie feststellen. Vermutlich wurden die Winde gemittelt wie in einer mathematischen Berechnung. Mittelt man einen Westwind und einen Ostwind ergibt sich daraus ein Süd- oder Nordwind, der mit der tatsächlichen Windrichtung nichts zu tun hat.

Zur Altholzverbrennung ist auf den Artikel des Herrn Gerhard Meier zu verweisen. Sinngemäß handelt es sich dabei um Müll- und um keine Biomasseverbrennung. In der Anlage sollen A1 und A2 Holz verwertet werden. Bei A2 Holz handelt es sich bereits um verleimtes, gestrichenes, beschichtetes, lackiertes oder anderweitig behandeltes Altholz ohne halogenorganische Verbindungen in der Beschichtung und ohne Holzschutzmittel (https://de.wikipedia.org/wiki/Altholz). Dies hat allein mit Biomasse nichts mehr zu tun. Über die Bedenklichkeit der Verbrennung in unmittelbarer Nähe unserer Gemeinde braucht man keine weiteren Worte verlieren.

NEIN DANKE!!!

Dieses Brennmaterial ist für den Betreiber der Anlage höchst lukrativ. Für die Abnahme dieser Hölzer bekommt der Betreiber noch Geld dazu. Es ist zu befürchten, dass sich das Verhältnis der Waldhackschnitzel zum Altholz, welche im Kraftwerk Wettstetten verbrannt werden sollten, in absehbarer Zeit aus wirtschaftlichen Gründen umdreht. Die Entstehung zahlreicher und immer größer werdenden Großanlagen führen zwangsweise zu einer Materialknappheit bei naturbelassenem Waldhackgut.

Wer garantiert die Zusammensetzung der Althölzer? Von wem werden sie sortiert? Von wem werden die Hölzer klassifiziert? Wer überprüft das Ganze? Wer garantiert, dass in den Hölzern nicht auch A3 oder sogar A4 Holz enthalten ist? Schnell ist eine Charge umklassifiziert, ohne dass dies von irgend jemand kontrolliert werden könnte. Das Risiko einer Durchmischung der Klassen ist nicht auszuschließen.

Gegen kleinere Biomasse Anlagen im regionalen Bereich bestehen keine Einwände. Eine Industrialisierung zur Energiegewinnung ist langfristig bedenklich. Ein Baum ist schnell verheizt und braucht sehr lange zum Nachwachsen. Irgendwann ist eine Grenze erreicht, die die Bilanz der CO2 Neutralität kippen lässt. Auch ein Dieselfahrzeug wurde ursprünglich als umweltfreundlich mit Steuerfreiheit gefördert. Die Entwicklung ist jedem bekannt. Der Diesel ist verpöhnt, obwohl beim modernen Dieselfahrzeugen weniger Feinstaubpartikel emittiert werden als beim Benziner.

Die übertriebene Ausbeutung der Natur in Mega-Anlagen wird auch hier mittelfristig zu einem Umdenken führen müssen. Immerhin entsteht bei der Verbrennung von Holz wesentlich mehr CO2, als bei der Verbrennung von Öl oder Gas. Selbst bei der Kohleverbrennung entsteht weniger CO2.

Soviel CO2 entsteht um eine kWh Energie zu erzeugen:
Energiequelle                           kg CO2/kWh
Holz                                                   0,39
Gas                                                    0,20
Öl                                                       0,28
Steinkohle                                        0,34
Braunkohle                                       0,36
Photovoltaik                                     0,00
Windkraft                                         0,00
(Quelle: https://www.volker-quaschning.de)

Fachleute sehen mittlerweile europaweit eher Nachteile bei der Verbrennung von Biomasse, gerade im industriellen Ausmaß.

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Ein Umdenken bei der CO2-Neutralität der Holzverbrennung wird zu Insolvenzen bei Biomasseanlagen führen. Schon jetzt werden geförderte Anlagen in Müllverbrennungsanlagen umgebaut, da sie sich nicht mehr wirtschaftliche betreiben lassen. Siehe dazu den Artikel von Herrn Gerhard Meier.